Georgien / Teil 2: Exploring Kakheti

Es ist erstaunlich, mit wie wenig Schlaf unser Körper in Ausnahmesituationen auskommt. Nach meiner 24-stündigen Reise am Tag zuvor wurde ich nach nur drei Stunden Schlaf wieder aufgeweckt, und war sogar einigermaßen wach. Zum Frühstück gab es traditionelle georgische Spezialitäten, fast alle selbst zubereitet von Mariams Mutter. Salat mit Gurken und Tomaten aus dem Garten, selbst gebackenes Brot, gebratenes Hühnchen, „Khachapuri“, eine Art runder Teigfladen, gefüllt mit Käse, und dazu eine hausgemachte Soße aus Mirabellen, „Tkemali“.

Sighnaghi

Mariams Familie hatte für unseren Besuch ein ganzes Programm auf die Beine gestellt, weshalb man den Tag natürlich nicht ganz verschlafen konnte. Unser erster Trip führte nach Sighnaghi, in die georgische „Stadt der Liebe“, wie mir Mariam erklärte. Etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt steht hier das Kloster Bodbe, eine der wichtigsten Pilgerstetten in Georgien, da dort die heilige St. Nino begraben liegt.

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Kloster Bodbe

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Durch verschlungene Gässchen und Pfade geht es vom Kloster aus den Berg hinab, bis man eine Quelle erreicht, deren Wasser als heilig gilt. Das Ritual verlangt es hier, sich komplett zu entkleiden, ein weißes Gewand überzuziehen und dann in das eiskalte Wasser der Quelle zu steigen. Erst wenn man drei mal komplett untergetaucht ist, kann man sich etwas wünschen. Agnes und ich waren zuerst etwas verwirrt von Mariams Anweisungen. Wir sollte uns ausziehen, aber vor uns war nur eine Öffnung im Fels, verdeckt von einem Vorhang, und keine Umkleide in Sicht. Schließlich waren wir an der Reihe, und voller Erwartung folgte ich meiner Freundin in die Dunkelheit. Vor uns führten drei Stufen in ein kleines Wasserbecken, augenscheinlich die besagte Quelle. Ich folgte Mariams Beispiel, hängte meine Sachen an einen der Nägel in der Wand und tauschte sie gegen ein nasses, weißes Gewand aus einem Korb am Boden. Das Wasser war eiskalt, aber draußen hatte es über 40°C, weshalb mir diese Abkühlung ganz gelegen kam. Fazit: Es lohnt sich,  auch mal wortwörtlich in eine fremde Kultur einzutauchen! 😉

 

 

 

Tsinandali

An unserem zweiten Tag in Georgien durften wir erst einmal unseren wohlverdienten Schlaf nachholen. Mariam teilte uns mit, dass wir heute einen „Aquapark“ besuchen würden. Da es draußen immer noch 40°C hatte, war die Vorfreude groß! Zuerst aber besuchten wir die ehemalige Residenz des Dichters Alexander Chavchavadze. Die Führung war auf Englisch, und so lernte ich, dass Alexander einer der ersten war, die Güter aus Europa nach Georgien brachten, wie zum Beispiel Klaviere aus Deutschland und Sessel aus Frankreich. Alexander war aber nicht nur Dichter, sondern auch aktiv im russischen Militär und ein Weinliebhaber. Seine Residenz gilt als der erste Ort in Georgien, in dem Wein abgefüllt wurde, und auch heute noch kann man diesen dort genießen.

 

 

Anschließend ging es also in den Aqua-Park. Wobei man sich unter dieser Bezeichnung hier etwas anderes vorstellen muss als in Deutschland. Ich hatte jetzt etwas in Richtung Therme-Erding erwartet. In Wirklichkeit war es aber eher eine Art Freibad, mit Betonboden und leider ohne Bäume oder viel Schatten. Trotzdem waren wir über die Erfrischung sehr dankbar, und ich konnte zum ersten Mal georgisches Eis probieren! Am Abend nahm uns Mariam noch mit den Park, der hier quasi der „Hangout-spot“ für Jugendliche ist. Ich persönlich verbinde mit Parks bei Nacht eher unheimliche Szenarien, merkwürdige Gestalten und illegale Aktivitäten… Umso überraschter war ich, als ich feststellte, dass 90 Prozent der Besucher in diesem Park junge Familien mit ihren Kindern waren. Egal wo man hin ging, es war voll mit Babies, Kleinkindern und Jugendlichen. Um 11 Uhr abends. Als ich Mariam später fragte, ob in solchen Parks Drogen verkauft werden (so wie ich es nun mal aus meiner Umgebung kenne :‘) ), schüttelte sie verständnislos den Kopf. „No, why?“ Georgien hat eine extrem strikte Drogenpolitik, und auch beim Autofahren darf man keinen einzigen Tropfen Alkohol trinken.

Als wir von unserem kleinen Spaziergang zurückkehrten, erwartete uns eine wunderschöne Überraschung: einer von Mariams Freunden leitet einen Chor und war mit seiner Gruppe samt Instrumenten und Lautsprechern in den Park gekommen, um extra für uns ein Konzert zu geben! So lernten wir traditionelle georgische Musik kennen, begleitet von traditionellem Tanz. Es war ein bisschen surreal, weil irgendwann immer mehr Zuschauer kamen und sich am Ende der halbe Park versammelt hatte, um die Musik zu genießen. Und das alles nur für uns?!

Gremi

Unser dritter Tag in Georgien ist eine meiner schönsten Erinnerungen an diese Reise. Agnes Eltern, die sich bis jetzt Tbilisi angesehen hatten, kamen zu Besuch. Alle zusammen fuhren wir dann nach Gremi. Dieses Schloss wurde von König Levan von Kakheti errichtet und die gesamte Region war früher ein wichtiger Handelsknotenpunkt, da sie direkt an der Seidenstraße lag.

 

 

Nekresi

Unser Trip endete aber noch nicht hier. Das eigentliche Ziel des Tages war nämlich das Kloster von Nekresi. Das Gebiet, auf dem das Kirche und später auch das Kloster im 4. Jahrhundert n. Chr. errichtet wurde, wurde bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. erschlossen. Auch heute noch leben auf diesem Gelände Mönche, die immer noch traditionell Wein anbauen. Der Hügel, auf dem die Kirche steht, lässt sich mit einem Auto schwer befahren, da der Hang teilweise einfach zu steil ist. Diesen Job übernehmen mehrere Busse, die einen für einen relativ erschwingbaren Preis nach oben bringen. Wir hatten Glück und erwischten den letzten Bus des Tages, den Weg hinunter würden wir allerdings laufen müssen. Während Agnes, ihre Eltern, Mariam und ich das Kloster besichtigten, blieben Mariams Eltern unten am Fuße des Hügels, wo es eine Art Biergarten gab. Als wir schließlich – sehr verschwitzt – wieder unten ankamen, hatten sie ein wahres Festmahl für uns vorbereitet, ein traditionell georgisches „Supra“. Mariams Vater machte ein Feuer und grillte für uns frische Schaschlik-Spieße, es gab jede Menge verschiedene georgische Spezialitäten, natürlich Wein, selbstgemacht von Mariams Vater, und zum Nachtisch noch eine riesige Wassermelone und Kuchen für alle. Die Abendluft war angenehm kühl, Mariams Schwester hatte ihre Panduri (eine traditionelle georgische Laute) dabei und spielte für uns. Es war ein ziemlich perfekter Abend, und ich war einfach nur dankbar, dass ich diese Erfahrung machen darf. Ich glaube, das war einer dieser Momente, in dem mir die Wirkung von UWC wirklich bewusst wurde. Ich sitze hier, und darf eine völlig neue Kultur kennen lernen. Eine Kultur, die mir nicht von irgendwem gezeigt wird, sondern von einer Freundin. Die ich ohne UWC niemals getroffen hätte.

 

Nach diesem Festmahl mussten wir uns dann leider von Agnes und ihrer Familie verabschieden, die jetzt nach Hause zurückkehrten. Ich aber hatte noch einige erlebnisreiche Tage in Georgien vor mir! Mehr davon in Teil 3 meiner Reise. 🙂

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