Winter in Marokko

Zwei Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag saß ich um 4 Uhr morgens in einem eiskalten Auto auf dem Weg zum Flughafen. Aus der Dunkelheit klatschten Schneeflocken auf die Windschutzscheibe, während wir durch die menschenleeren Straßen fuhren.  Sieben Stunden später trat ich in Marrakesch aus dem Terminal in die gleißende Mittagssonne.

Ich finde es immer wieder verblüffend, wie man innerhalb so kurzer Zeit einfach mal nicht nur in ein anderes Land, sondern auf einen anderen Kontinent reisen kann. Für mich war es das erste Mal außerhalb Europas (wenn man den Aufenthalt im Flughafen auf der asiatischen Seite Istanbuls nicht mitzählt), und ich fand, dass 18 genau der richtige Zeitpunkt für eine solche Reise war. Wer meine Georgien-Blogeinträge gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch daran, dass ich bei meinem letzten Abenteuer fast nicht das Land verlassen durfte…dieses Mal war das allerdings – dank Volljährigkeit  – kein Problem.

Als ich also in Marrakesch aus dem Flugzeug stieg, fielen mir einige wesentliche Unterschiede zu München auf. Erstens: der Himmel war blau und wolkenlos. Zweitens: die Sonne !!! schien. Und drittens: durch die Fenster der Passagierbrücke sah ich: Palmen. PALMEN! (Auf dieser Reise habe ich meine Liebe für Palmen entdeckt und dieser Anblick hat mich den ganzen Trip hindurch jedes mal wieder glücklich gemacht)

Abgesehen von der Tatsache, dass mein Flug um 6 Uhr morgens ging und sich deshalb mein armer Vater um 3:30 morgens mit mir aus dem Bett quälen musste, um mich zum Flughafen zu bringen, verlief die Reise ziemlich reibungslos. Dank der frühen Uhrzeit war der Flug nicht überbucht und ich konnte bequem meine Sitzplätze auswählen – natürlich Fensterplatz.  Meine Route ging von München nach Lissabon und von dort aus dann nach Marrakesch. Ich hatte allerdings nicht mitbekommen, dass Lissabon zeitlich eine Stunde hinter Deutschland liegt, was mich auf dem Hinflug für etwa eine Stunde panisch in dem Glauben ließ, dass ich meinen Anschlussflug verpassen würde. (Mein Anschlussflug hatte um 9:00 in Lissabon boarding, und mein erster Flug war um 9:00 immer noch in der Luft…). Die Durchsage des Kapitäns am Anflug auf Lissabon brachte schließlich Erleichterung…

Das Thema Zeitverschiebung hat mir dann auch die nächsten drei Tage Kopfschmerzen bereitet, da Marokko normalerweise ebenfalls eine Stunde hinter Deutschland liegt – was mein Smartphone so übernahm. Allerdings war das nicht der Fall, da Marokko gerade auf Winter umgestellt hat –  womit kein Zeitunterschied zu Deutschland mehr existiert.

Als ich also schließlich um 12 Uhr morgens in Marrakesch aus dem Terminal trat, empfing mich Mahmoud mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Welcome to Morocco!“ Um zu verstehen, warum mich diese Worte so glücklich gemacht haben, muss man vielleicht die Hintergrundgeschichte zu meiner Reise kennen. Ich hatte nämlich im August, als ich für mein zweites Jahr zum College zurückkehrte, absolut keine Ahnung oder Absicht, Marokko zu besuchen. In den ersten Wochen dann lernte ich Mahmoud kennen, einen Firstyear aus besagtem Land. Bei jeder unserer Konversationen erzählte er von seiner Heimat und seiner Kultur, und in jeder dieser Konversationen fiel der selbe Satz: „You should come to Morocco!“. Als wir schließlich zum ersten Mal Tee hatten, schauten wir „einfach mal so zum Spaß“ nach Flugtickets nach Marokko. Und stellten überrascht fest, dass diese im Dezember gar nicht so teuer waren. „You should book it!“. Gesagt – getan. Ein paar Wochen später waren die Tickets gebucht und ich hatte eine Reise, auf die ich mich freuen konnte – was mir immens durch den 3. Term half!

Ich war allerdings nicht die einzige Besucherin in diesen Weihnachtsferien. Abdullah, mein Coyear aus Palästina, hatte bereits die letzten zwei Wochen bei Mahmoud gelebt, da er für die Ferien nicht in den Gaza-Streifen zurückkehren kann. Alexandra, eine Firstyear aus Schweden, kam am selben Tag wie ich an und würde ebenfalls die nächste Woche mit uns verbringen. Vor meiner Reise war Mahmoud die einzige dieser Personen, die ich wirklich kannte. Ich war also gespannt, wie sich unsere kleine Gruppe verstehen würde.

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Abdullah, Alexandra und Mahmoud vor dem „Theatre Royal“ in Marrakesch

Im Nachhinein war es wahrscheinlich ein großer Vorteil, dass wir uns noch nicht alle sehr gut kannten. Dadurch lernten wir uns nämlich hier in Marokko kennen, fern vom RCN-Umfeld und dessen sozialen Strukturen. Wir sind in dieser einen Woche zusammengewachsen, haben absurde und abenteuerliche Situationen zusammen erlebt (mehr dazu später in diesem Blogeintrag) und hatten vor allem eins: Spaß! Jonglieren mit Zitronen im Sonnenuntergang in einem kleinen Olivenhain im ländlichen Marokko, aus voller Kehle Bohemian Rhapsody singen, Sterne anschauen während man in einem kleinen Taxi zusammengezwängt durch die Nacht fährt, Essen probieren, im Wohnzimmer tanzen, auf dem Dach in der Sonne über Politik diskutieren, mit offenen Fenstern in der Abendsonne über die Felder vor der Stadt fahren und marokkanischen Rap hören…

In den ersten drei Tagen erkundeten wir Marrakesch. Der allererste Tag in Marokko aber ist wahrscheinlich meine Lieblingserinnerung dieser Reise. Er hat mir einmal wieder gezeigt, wie viel man in 24 Stunden erleben kann. Ich habe mich endlich wieder lebendig gefühlt. Da Alexandra erst später am Nachmittag ankommen würde, gingen Mahmoud, Abdullah und ich erst einmal mittagessen, nachdem wir mein Gepäck im Hotel abgeladen hatten. Mein erstes Essen in Marokko: Fischplatte mit Salat. Frisch gepresster Orangensaft. Und jede Menge köstliche Dips, die ganz selbstverständlich mit dem Hauptgericht serviert werden, ohne dass man sie bestellt. Dazu natürlich: Brot! Denn, wie meine erste Lektion in marokkanischer Kultur mir zeigte: Statt Messer und Gabel benutzt man die drei ersten Finger seiner rechten (in meinem Falle linken) Hand zum Essen. Ich habe diese Art zu essen während dieser Reise wirklich zu schätzen gelernt. Man hat irgendwie eine ganz andere, menschlichere Verbindung mit seinem Essen.

Unseren ersten Abend verbrachten wir auf dem „Jemaa el-Fna“, dem großen zentralen Platz in Marrakesch. Mahmoud hatte mir in den Wochen davor so viel von diesem magischen Ort erzählt, und ich war überglücklich, ihn jetzt selber erleben zu dürfen. An einem der vielen Stände mit frisch gepressten Säften trank ich den besten Orangensaft meines Lebens – für nur 40 Cent! Andere Buden verkauften getrocknete Früchte wie Feigen und Datteln, sowie allerlei verschiedene Nuss-Sorten. Wir probierten uns durch alle möglichen Arten von Streetfood – dabei waren unter anderem Kaktus (!!) und Süßholz…letzteres wurde uns von einem charmanten Verkäufer in einem mysteriösen Gewürzladen übrigens geschenkt. In den engen Gassen dieses Bazaars könnte man wirklich stundenlang herumstöbern, von einem verzauberten kleinen Laden in den nächsten stolpern … und dabei alle 5 Minuten fast von einem Moped überfahren werden.

Am nächsten Morgen ging es (für marokkanische Verhältnisse) schon früh los – wir fuhren nämlich für einen Tagesausflug ins Atlasgebirge! Praktischerweise leitet Mahmouds Onkel nämlich eine Tourismus-Agentur, und organisierte nicht nur das Hotel, sondern auch diesen Trip für uns. Mit persönlichem Fahrer ging es also Richtung Ourika. Auf dem Weg besichtigten wir ein traditionelles Berber-Dorf und wurden prompt zu Tee und frischgebackenem Brot eingeladen. Wenig später fand ich mich dann auf dem Rücken eines Dromedars wieder, auch eine dieser Erfahrungen, mit denen ich zu Beginn des Tages noch nicht gerechnet hätte. Wir hielten außerdem noch bei einer kleinen Töpferei, deren Besitzer uns sofort herzlich begrüßte, eine Tour seiner Werkstätte gab, und uns sogar zeigte, wie er die traditionelle „Tagine“ töpferte. Jetzt ging es immer tiefer hinein ins Gebirge. Der Anblick eines schneebedeckten Gipfels löste von allen Seiten fröhliches Juchzen aus – norwegische Heimatgefühle eben. Unser Besuch in Ourika war für mich wirklich besonders. Ich habe auf meiner ganzen Marokko-Reise, aber eben besonders hier im Atlasgebirge, viel über das Volk der Berber gelernt. Die Berber sind die Ureinwohner Nordafrikas, allerdings in Marokko mit der größten Population vertreten. Da Mahmoud zu einem Viertel selbst Berber ist, spricht er die auch Sprache (die übrigens vollkommen anders als Arabisch ist und sehr cool aussieht). Unser Guide für die Wanderung zum Wasserfall war ebenfalls Berber und erzählte uns von seinem Leben und zeigte uns eine Weberei, in der traditionelle Berber-Teppiche hergestellt wurden.

Berber-Alphabet (http://blog.travel-exploration.com/tag/official-language-of-morocco-is-arabic/)

Den Rest unserer Zeit in Marokko verbrachten wir bei Mahmoud’s Familie in El Kelaa des Sraghna, einer Stadt ungefähr eine Stunde von Marrakesch entfernt. Während in Marrakesch noch an jeder Ecke irgendjemand Französisch, Englisch oder Deutsch sprach, waren wir hier die einzigen Touristen. Eine willkommene Abwechslung vom hektischen Trubel der Großstadt, wo wir teilweise aus 100 Metern Entfernung von einem Händler angeschrien wurden, der uns etwas verkaufen wollte. Hier interessierte sich offensichtlich niemand für uns. Das einzige, was wir bekamen, waren Blicke. Mal misstrauisch, mal interessiert, aber immer aufmerksam auf unsere kleine Gruppe gerichtet. Wie schon so oft auf dieser Reise war ich sehr froh über Mahmoud’s Anwesenheit, der uns sicher durch die Straßen navigierte, übersetzte und verhandelte.

Das wahrscheinlich schönste an unserem Aufenthalt in Kelaa war die Zeit, die wir mit Mahmoud’s Familie verbrachten. Ich habe noch nie so herzliche Menschen getroffen! Dank meiner (etwas eingerosteten) Französischkenntnisse konnte ich mich sogar mit seinen Eltern verständigen und den tief philosophischen Vorträgen seines Vaters über die Menschheit und den Bedarf an interkulturellem Verständnis für Frieden lauschen. Kein Wunder, dass es seinen Sohn an ein UWC verschlagen hat. 😉 Im Laufe dieser 6 Tage wurden wir ganz selbstverständlich in die Familie aufgenommen, lernten alle möglichen anderen Verwandten kennen und durften jeden Tag  ein neues, traditionelles marokkanisches Gericht probieren, von dem wir jeden Tag aufs Neue begeistert waren. Ich habe in meiner ganzen Zeit in Marokko kein einziges Mal „westliches“ Essen gehabt und bin damit wunderbar klar gekommen. Die marokkanische Küche zählt jetzt auf jeden Fall zu meinen Lieblings-Essenskulturen! Ein weiteres Highlight unserer Zeit in Kelaa war der Besuch eines traditionellen Hamam-Bads. Wir wurden durch detailliere Beschreibungen des Ablaufs dieses Badebesuchs ausführlich auf dieses Ereignis vorbereitet – und trotzdem fühlte sich der Aufbruch zum Bad an wie der erste Schultag. So behandelte uns jedenfalls Mahmoud’s Familie: wir wurden mehrere Male gefragt, ob wir das wirklich machen wollen, und schließlich stolz und etwas nervös verabschiedet. Es sei natürlich vollkommen okay, wenn wir einfach duschen. Aber nein, Alexandra und ich waren fest entschlossen, diese authentische marokkanische Erfahrung zu machen.  Falls ihr nicht wisst, was bei einem solchen traditionellen Bad passiert: man wäscht sich, und wird dann gründlich geschrubbt (oder schrubbt sich selbst), um tote Haut zu entfernen. Allerdings ist man dabei bis auf die Unterhose nackt. Männer und Frauen sind natürlich in getrennten Bädern, weshalb ich diesen Fakt nicht als besonders unangenehm empfand.  Begleitet von einer Freundin der Familie betraten wir also das Badehaus. Und wurden natürlich sofort als Fremde erkannt. Allerdings keinesfalls auf eine negative Art. Wir wurden von einer gut gelaunten Frau sehr herzlich aufgenommen und mithilfe von Zeichensprache instruiert, uns auszuziehen. Auch, wenn ich kein Wort von dem Arabisch verstand, mit dem sie auf mich einredete, wusste ich mich bereits in guten Händen. Ich war auf jeden Fall sehr glücklich, diese Erfahrung zusammen mit Alexandra und nicht alleine zu machen. Wir haben ab einem gewissen Punkt einfach nur gelacht, was die Situation sehr viel weniger seltsamer machte, als sie einem vielleicht erscheinen könnte. Unfassbar und umfassend sauber, und sehr zufrieden verließen wir schließlich das Bad, um von einem sehr stolzen Mahmoud empfangen zu werden. „Now you’ve truly experienced Morocco!“.

Auf dem Weg zum Flughafen zogen die Palmen an mir vorbei. Ich wusste bereits, wie sehr ich diesen Anblick vermissen würde. Diese Reise hat mich von vorne bis hinten unfassbar glücklich gemacht. Sie hat mir wieder einmal gezeigt, wie wertvoll die Beziehungen und Freundschaften sind, die ich am UWC geschlossen habe, und an welch außergewöhnliche Orte sie mich bringen können. Ich habe fantastische Menschen getroffen und das Gefühl gehabt, wirklich authentisch eine neue Kultur kennen zu lernen. Eines Tages werde ich wiederkommen!

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