Anleitung zum Busfahren in Ecuador

Ich sitze am offenen Fenster des Busses und genieße den frischen Wind, der mich von der stickigen-trockenen Luft im Inneren erlöst. Die strategische Wahl des Sitzplatzes ist entscheidend, um die einstündige Fahrt nach Cuenca zu überstehen. Ein Laie könnte meinen, dass ein beliebiger Platz mit Fenster ausreicht, aber der Schein trügt. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich die bereits geschlossenen Fenster in 90 Prozent der Fälle nicht öffnen lassen. Egal wie fest man zieht und drückt und dann irgendwann aufgibt, in der Hoffnung, keiner der anderen Fahrgäste habe seine mühseligen Versuche beobachtet.

Draußen ziehen die Berghänge der Anden vorbei, trockene Erde bedeckt mit trockenem gelben Gras, Agaven und ab und zu, ein kleiner Hain aus Eukalyptusbäumen. Wir überqueren die Puente Europa, unter der das schlammig-braune Wasser des Rio Paute schäumt. Nach starken Regenfällen steigt der Wasserspiegel gefährlich hoch, und das gesamte Wasser-Versorgungssystem der Stadt ist für mindestens den halben Tag lahmgelegt.

Busfahren in Ecuador ist eine Kunst, die ich langsam anfange, zu beherrschen. Ich naive Europäerin wollte zuerst meinen Ohren nicht trauen, als mir erklärt wurde, dass es hier weder einen Plan mit offiziellen Ankunfts- und Abfahrtszeiten noch eine Preisliste gibt. Als meine Gastschwester mich zum ersten Mal zum Busstop in der Nähe unseres Hauses brachte, versuchte ich mein Bestes, irgendein Anzeichen dafür zu finden, dass dies tatsächlich eine offizielle Haltestelle war. Abgesehen von den anderen Wartenden – eine kleine ältere Dame in traditionellem Rock und Hut mit einem großen Sack, eine Gruppe Jugendlicher in roten Schuluniformen und eine Frau, die selbstgemachtes Eis aus einer Kühltasche verkaufte – gab es aber nichts, was darauf hindeutete, dass hier alle halbe Stunde ein Bus fuhr.

Farben spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Wahl des richtigen Busses geht.
Rote Busse, beschriftet mit “Rio Paute” oder “Cutilcay” bringen einen fast immer sicher von Paute nach Cuenca, oder andersrum. Gelbe, kleinere Busse mit der Aufschrift “Helio” bringen einen zur Puente Europa, von wo aus man einen anderen kleinen, roten Bus nach Gualaceo nehmen kann. Bei grünen Bussen wird es schon etwas komplizierter. Der grüne Bus in Descanso ist praktischerweise oft schon mit seinem Ziel beschriftet: Azogues. Im Busterminal in Cuenca allerdings kann man sich dann nicht mehr auf die Farben verlassen: steigt man hier in einen beliebigen grünen Bus ein, könnte man in Gualaceo, aber auch in Machala, Tena oder einem anderen Ort irgendwo in Ecuador landen.

Auch was die Bezahlung angeht, muss man hier nach dem Motto “learning by doing” vorgehen. Was ich inzwischen feststellen konnte, ist, dass man im roten Bus von Paute nach Cuenca immer einen Dollar zahlt. Wenn man schon vorher in Descanso aussteigt, sind es 75 Cent. Fährt man aber von Azogues nach Descanso, sind es nur 40 Cent, und wenn man den gelben Bus von der Puente Europa nach Paute nimmt, sind es 35 Cent. Von der Puente Europa nach Gualaceo habe ich beim ersten Mal 70 Cent und beim zweiten Mal nur 30 Cent bezahlt. Besonders als Ausländer muss man also beachten, dass die Preise um einiges schwanken können, je nachdem, ob man “gringoed” wurde oder als vollwertiger einheimischer Buspassagier akzeptiert ist. (Meiner Erfahrung nach spielen aber manchmal auch die Laune und das Stresslevel des Busfahrers eine Rolle).

Trotz des nicht existenten Bus-Zeitplans behaupte ich, ein Muster im Kommen und Gehen der Busse gefunden zu haben. Einige meiner Mit-Freiwilligen sind da anderer Meinung und meinen, es gäbe absolut keine Regelmäßigkeit. Ich persönlich verwende diese Technik: Ich nehme zum Beispiel an, der Bus soll offiziell um 13 Uhr kommen. Aus Erfahrung weiß ich, dass er meistens früher kommt, also rechne ich mit seiner Ankunft im Zeitfenster von 12:45 bis 13:05, und bin sicherheitshalber schon um 12:43 bei der Bushaltestelle. Es mag ja Leute geben, die mir da widersprechen, aber dank dieser ausgefeilten Methode habe ich bisher selten einen Bus verpasst oder länger als 10 Minuten gewartet. In Cuenca muss man sich glücklicherweise gar keine Sorgen machen, denn meistens steht irgendein roter Bus da, der nach 5 bis 10 Minuten losfährt.

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Fahrt in diesem roten Bus nach Cuenca. Meine Gastmutter begleitete mich, um mir den Weg zu zeigen und sicherzugehen, dass ich mich nicht verlaufe oder ausgeraubt werde. “Lass dein Handy lieber in deiner Tasche!”, warnte sie mich. “Halt die Augen offen und nimm deinen Rucksack auf den Schoß”. So umklammerte ich eine Stunde lang nervös meine Tasche und malte mir aus, auf welchen Wegen irgendein Taschendieb meine Wertsachen stehlen könnte.

Zwei Monate später sitze ich fast täglich in diesem Bus, mein Handy in der Hand, Kopfhörer in den Ohren und tiefenentspannt. Inzwischen freue ich mich sogar schon fast auf die Fahrt. Nach einem anstrengenden Arbeitstag habe ich eine Stunde, in der ich nichts tun kann oder muss. Ich darf einfach dasitzen, aus dem Fenster schauen und immer wieder das Andenpanorama bestaunen. Wer manchmal anstrengend sein kann, sind die Verkäufer, die auf fast jeder Fahrt mit dabei sind. Jeder hat sich auf eine andere Ware spezialisiert: manche preisen die wundersamen Effekte ihrer Schokolade an, manche wollen dir die köstlichsten Kekse der Welt verkaufen und manche machen sich sogar die Mühe, ein interaktives Quiz mit dem ganzen Bus zu veranstalten, in dem man anzügliche Fragen beantworten und dafür Bonbons gewinnen kann. Alle haben ihren eigenen Stil beim Verkaufen, laut, aufdringlich, lustig, und fast alle erzählen von ihrer tragischen Lebensgeschichte, von ihrer Familie, die sie ernähren müssen, oder von ihrer Flucht aus Venezuela.

Einer meiner Lieblingsmomente ist, wenn der Bus langsam aus dem Terminal in Cuenca rollt, und draußen vor dem Fenster die Sonne untergeht. Die ganze Stadt ist in ein rosa Licht getaucht, ich kann mich gemütlich zurücklehnen (wenn gerade kein Kind hinter mir sitzt das mir in den Rücken tritt – was fast immer der Fall ist) und die einstündige Busfahrt nutzen, um über die Geschehnisse des Tages zu reflektieren – oder mal wieder über die Musik zu schmunzeln, die im Hintergrund läuft. Es spielt fast immer das Radio, traditionelle Andenmusik dudelt durch den Bus, oder ein seltsamer Remix von irgendeinem alten Popsong. Aber auch die Musikwahl der Mitfahrenden kann interessant sein. Einmal schrock ich zusammen, als plötzlich “DEUTSCHLAND DEUTSCHLAND ÜBER ALLES” neben mir ertönte. Einen Rammstein-Fan hatte ich in der ecuadorianischen Provinz jetzt nicht erwartet.

Die Rückfahrt von Cuenca war anfangs sehr stressig für mich. Da es keine wirklich offiziellen Haltestellen gibt, muss man dem Busfahrer selber klarmachen, dass man aussteigen will. Ich wusste aber zu Beginn meiner Zeit hier noch nicht, wo genau ich aussteigen muss, und vor allem in der Dunkelheit konnte ich auch schwer erkennen, wann wir uns Paute nährten. Nach vielen Busfahrten und ausgiebiger Observation der Route habe ich inzwischen aber die perfekte Technik entwickelt. Kurz vor Paute fährt der Bus an zwei Tankstellen vorbei. Sobald wir die Erste (EnergyGas, auch hier spielen Farben eine Rolle: sie ist blau) passieren, kann ich mich gemütlich bereitmachen, den Bus zu verlassen. Wenn die zweite Tankstelle in Sicht kommt (orange, Primax), weiß ich, dass es jetzt nur noch ein bis zwei Minuten bis zum Ortseingang sind. Also stehe ich auf und mache mich entspannt auf den Weg nach vorne, bis der Bus abrupt anhält, ich dem Fahrer einen Dollar in die Hand drücke und aus der Tür auf den Bordstein springe, während sich der Bus schon wieder in Bewegung setzt. Es ist eine gut einstudierte Choreographie, die mich einige Wochen an Übung gekostet hat, aber dafür beherrsche ich sie jetzt einwandfrei.

Ich könnte noch unendlich viele Busgeschichten erzählen, und wer weiß, welche Anekdoten sich noch bis zum Ende meiner Zeit hier ansammeln. 😉

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